Günter Reimann im Porträt
Zum ersten Mal hörte ich von Günter Reimann ungefähr im Jahr 2000 in der Sendung Kulturzeit auf 3sat. In der Anmoderation stellte man ihn als marxistischen Millionär mit einem goldenen Jaguar vor der Villa in Manhasset, Long Island, vor.
Damals hatte er schon ein stattliches Alter von 95 Jahren erreicht und wirkte im Filmbeitrag gesund und erfrischend. Ich fragte mich, warum höre ich jetzt erst von ihm? An der Wallstreet in New York waren er und seine Agentur eine Institution.
Wenn ich dennoch mit Neugierde die Zukunft erleben will, dann, weil ich an den Fortschritt à la longue glaube, außerdem, weil ich von nie befriedigter Neugierde erfüllt bin. Das gilt in allen Lebenslagen.« Über sein eigenes Leben und Überleben in Zeiten von Faschismus und Stalinismus wundert er sich noch im hohen Alter, dass er durch viele Zufälle überlebt hat und sagte: "Ich meine, ein Zufall ist ein Zufall. Fünf Zufälle sind eine Tendenz, zehn ein Gesetz. Bei mir hat es viele Zufälle gegeben." Ob er an eine Gesetzmäßigkeit in der Geschichte der Menschheit hin zum Guten geglaubt hat, weiß ich nicht. Drei Monate nach seinem 100. Geburtstag starb er im Februar 2005.
Rosa-Luxemburg-Stiftung zu Leben und Werk mit Foto
Artikel der Berliner Zeitung vom 09.05.1997
Spiegel Beitrag vom 10.11.1997
Artikel aus der Monatszeitschrift Brand Eins (Ausgabe 04/2000)
Artikel des Guardian vom 01.03.2005
Artikel der New York Times vom 04.04.2005
Damals hatte er schon ein stattliches Alter von 95 Jahren erreicht und wirkte im Filmbeitrag gesund und erfrischend. Ich fragte mich, warum höre ich jetzt erst von ihm? An der Wallstreet in New York waren er und seine Agentur eine Institution.
Frühe Jahre in der KPD
Noch als Hans Steinicke, Günter Reimann ist sein Pseudonym, erlebte er als 14-jähriger die Novemberrevolution von 1918. Angesteckt vom Revolutionsfieber fand er schnell den Weg vom kommunistischen Jugendverband zur KPD. Für die Parteizeitung die "Rote Fahne" wurde er schnell journalistisch aktiv, er schrieb seinen ersten Artikel mit der Überschrift "Pissbuden im Klassenstaat", wo er die Verhältnisse der öffentlichen Toiletten von armen und reichen Vierteln der Stadt Berlin verglich. In der KPD lernte er auch den späteren Bundestagsfraktionsvorsitzenden der SPD Herbert Wehner kennen. Dieser glaubte damals noch an Stalin wie an einen Gott, resümiert Reimann später. In der Parteizeitung die "Rote Fahne" hat er als Wirtschaftsredakteur Anfang der zwanziger Jahre noch viele Freiheiten; "Ich hatte damals alle Freiheiten, musste nicht der Parteilinie folgen, sondern konnte berichten, was mir wichtig schien". In dieser Zeit verbringt er auch durchzechte Nächte mit "Dadaisten" im "Café Größenwahn". Doch Ende der zwanziger Jahre ist Schluss mit den Freiheiten. Stalin nimmt die KPD an die kurze Leine. Als man ihm dann einen linientreuen Chefredakteur vor die Nase setzt kommen erste Zweifel. Anfang der dreißiger Jahre, inzwischen studierter Ökonom, unternimmt er eine Reise in die Sowjetunion und ist ernüchtert. Diese Form des Sozialismus entspricht nicht seinen Vorstellungen, er fand eine Art Staatskapitalismus vor mit "doppelter Buchführung". In Deutschland zurück, versucht er Herbert Wehner davon zu überzeugen eine Widerstandsgruppe innerhalb der KPD aufzubauen. Sein Versuch misslingt. Im Frühjahr 1933 kommt Adolf Hitler an die Macht, Reimann hält noch bis Herbst aus und versucht Widerstand gegen den Faschismus zu organisieren. Doch der Widerstand ist zu gering, politisch heimatlos geworden floh er über Prag, Wien, Paris, Amsterdam und London schließlich nach New York.Nach dem Krieg in New York
1936, inzwischen aus der KPD ausgetreten, lernt er in New York "die Hochburg des Kapitalismus" kennen. Er arbeitet als freier Ökonom und Journalist bis er 1940 eine Stelle am International Stastistical Bureau annimmt. 1947 gründet er eine Agentur und bringt das Hochglanzmagazin "International Reports on Finance and Currencies" heraus. Informanten und Zuträger aus ungefähr 50 Ländern liefern der Zeitschrift wichtige Informationen, dass ihm die Hochfinanz für diese Dienste 2000 Dollar monatlich zahlt. Seine Kunden sind Großunternehmen, Geldinstitute, Spekulanten, rund 70 Zentralbanken und Regierungen. Die Zeitschrift kommt auf eine Anzahl von ungefähr 4000 Abonnenten. Aus seiner marxistischen Überzeugung macht er keinen Hehl, seinen intelligenten Kunden ist das egal, denn die Informationen stimmten. Das ist dialektische Logik, paradoxerweise arbeitet der Marxist Reimann für die kapitalistische Finanzwirtschaft. Die "Financial Times" macht ihm 1983 ein Angebot für seinen Informationsdienst und ohne zu verhandeln wird gezahlt. Seitdem lebte Reimann als millionenschwerer Rentner im aktiven Ruhestand. Über den Fall der Mauer 1989 freut er sich und sieht trotzdem nicht das Ende sozialistischer Ideale. Viele Marxisten sind und waren für Reimann "Doktrinäre, für die der Kommunismus wohl ein Glaubensbekenntnis war". In seinen letzten Lebensjahren liest er noch das "Kapital" von Karl Marx. Im hohen Alter resümiert er ; "Ich glaube aber mit Kant, Hegel und Marx, dass die Grundtendenzen für die menschliche Gesellschaft ein Vorwärtsschreiten zu mehr Menschsein und Menschlichkeit sind. Auf die Person bezogen: Ich habe winzig wenig zum Fortschreiten der Menschheit beigetragen, und der Beitrag wird vermutlich nicht in Erscheinung treten.Wenn ich dennoch mit Neugierde die Zukunft erleben will, dann, weil ich an den Fortschritt à la longue glaube, außerdem, weil ich von nie befriedigter Neugierde erfüllt bin. Das gilt in allen Lebenslagen.« Über sein eigenes Leben und Überleben in Zeiten von Faschismus und Stalinismus wundert er sich noch im hohen Alter, dass er durch viele Zufälle überlebt hat und sagte: "Ich meine, ein Zufall ist ein Zufall. Fünf Zufälle sind eine Tendenz, zehn ein Gesetz. Bei mir hat es viele Zufälle gegeben." Ob er an eine Gesetzmäßigkeit in der Geschichte der Menschheit hin zum Guten geglaubt hat, weiß ich nicht. Drei Monate nach seinem 100. Geburtstag starb er im Februar 2005.
Quellen und Links zu Artikeln von Günter Reimann
Zeitschrift: UTOPIE kreativ, H. 174 (April 2005), S. 369-370Rosa-Luxemburg-Stiftung zu Leben und Werk mit Foto
Artikel der Berliner Zeitung vom 09.05.1997
Spiegel Beitrag vom 10.11.1997
Artikel aus der Monatszeitschrift Brand Eins (Ausgabe 04/2000)
Artikel des Guardian vom 01.03.2005
Artikel der New York Times vom 04.04.2005

